«Wer bin ich jetzt?» Diese Frage taucht in der Lebensmitte oft auf, leise zuerst, dann immer lauter. Viele Frauen tragen sie unausgesprochen mit sich, irgendwo zwischen Alltagspflichten, Erschöpfung und dem Gefühl, dass sich etwas grundlegend verschiebt, ohne dass sie genau sagen könnten, was.
Die Wechseljahre sind eine Zeit des Wandels, das ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass dieser Wandel nicht nur den Körper betrifft, er berührt die Frage danach, wer man war, wer man ist und wer man noch sein will, die Biographiearbeit gibt genau diesen Fragen Raum.
Ich begleite Frauen in dieser Lebensphase mit verschiedenen Ansätzen. Biographiearbeit gehört für mich zu den tiefgreifendsten, weil sie beim Menschen selbst beginnt, bei seiner Geschichte, lange bevor es um Symptome geht.
Was Biographiearbeit ist
Der Begriff klingt akademisch, ist es aber nicht. Biographiearbeit ist keine Therapie im klinischen Sinn, es geht nicht darum, Kindheitstraumen zu analysieren oder zu suchen, was falsch gelaufen ist, es ist etwas anderes, eine Begegnung mit der eigenen Geschichte.
In der Biographiearbeit schaut man auf den eigenen Lebensweg, auf die Phasen, die geprägt haben, auf die Entscheidungen, die Weichen gestellt haben, auf das, was man losgelassen hat, sowie auf das, was man unbemerkt mitgetragen hat. Das geschieht, weil diese Geschichte erklärt, wo man heute steht und was als Nächstes kommen könnte.
Es geht also darum, Vergangenes zu verstehen, statt es zu bewerten oder umzuschreiben. Daraus entsteht ein neuer, klarerer Blick auf die Gegenwart.
Warum die Lebensmitte der richtige Zeitpunkt ist
Die biologischen Veränderungen der Wechseljahre bringen den Körper in Bewegung. Die Hormone verschieben sich und mit ihnen der Zyklus, der Schlaf, die Stimmung, die Energie. Das ist nicht einfach, gleichzeitig ist es kein Zufall, dass diese körperliche Veränderung genau in einer Lebensphase geschieht, in der sich auch innerlich vieles bewegt.
In der Lebensmitte stehen viele Frauen an einem Punkt, an dem die grossen Weichenstellungen der jungen Jahre hinter ihnen liegen. Die Kinder sind grösser oder aus dem Haus, Beziehungen haben sich verändert und der Beruf, den man einst gewählt hat, weil er damals stimmig schien, passt vielleicht nicht mehr so recht. Plötzlich stellt sich eine Frage, für die früher nie Zeit war: «Was ist eigentlich meins?»
Die Biographiearbeit gibt dieser Frage Raum, sie lädt dazu ein, den eigenen Weg anzuschauen, als Orientierung statt als Bilanz. Wo komme ich her, was hat mich geformt, was will ich weitertragen? Das sind keine abstrakten Fragen, sie führen sehr direkt zu dem, was im Jetzt gebraucht wird.
«Was hat mich wirklich geprägt?»
«Was gebe ich weiter, bewusst oder unbewusst?»
«Welche Momente haben meinen Weg verändert?»
«Was will ich in dieser nächsten Phase wirklich?»
«Ich hatte das Gefühl, mein Leben läuft an mir vorbei, nicht schlecht, aber irgendwie nicht meins. In der Biographiearbeit habe ich angefangen zu schreiben, über meine Kindheit, über den Beruf, den ich gewählt habe, weil er sicher schien, über die Momente, in denen ich etwas anderes wollte und mich nicht getraut habe. Zum ersten Mal habe ich den roten Faden gesehen, der sich durch alles zieht. Das war erschütternd und zugleich unglaublich erleichternd, ich kann es kaum in Worte fassen.»
«Ich war mitten in der Perimenopause, körperlich ein Chaos, und gleichzeitig merkte ich, dass ich auf Fragen stiess, die ich jahrelang beiseitegeschoben hatte. Wer bin ich, wenn die Kinder mich nicht mehr so viel brauchen? Was bleibt von mir, wenn ich aufhöre zu funktionieren? Die Biographiearbeit hat mir geholfen, diese Fragen nicht als Bedrohung zu erleben, sondern als Einladung. Für mich hat sich da etwas gedreht.»
«Ich habe Dinge über mich entdeckt, die ich eigentlich immer wusste, aber nie ausgesprochen hatte. Seither schaue ich anders auf mich.»
Wie Biographiearbeit in der Praxis aussieht
Biographiearbeit hat viele Formen. In meiner Begleitung arbeite ich mit verschiedenen Zugängen, je nachdem, was zu einer Frau und ihrer Situation passt.
Das Schreiben ist ein zentrales Element. Nicht als literarische Übung, sondern als Weg, Dinge sichtbar zu machen, die im Kopf kreisen, aber noch keinen klaren Ausdruck gefunden haben. Manchmal beginnt es mit einer einzigen Frage: «Wann habe ich mich zuletzt wirklich als ich selbst gefühlt?» Was darauf folgt, überrascht viele Frauen.
Ein anderes Werkzeug ist die Zeitlinie der Lebensabschnitte. Dabei werden die eigenen Lebensphasen sichtbar gemacht, von der Kindheit bis heute, mit den prägenden Momenten, den Übergängen, den Verlusten und den Aufbrüchen. Diese visuelle Darstellung schafft oft eine neue Perspektive. Man sieht, dass das eigene Leben mehr Zusammenhang hat, als es manchmal scheint. Oft zeigen sich dabei Muster, die man so noch nie gesehen hat.
Das Gespräch selbst ist der dritte Zugang. Im Dialog, in einer Atmosphäre von Vertrauen und ohne Wertung, öffnen sich Gedanken, die allein vielleicht verschlossen geblieben wären. Ich begleite diesen Prozess als jemand, der Fragen stellt und Raum hält. Die Expertin für dein Leben bist du.
Biographiearbeit ist ein Verorten, mehr als ein Rückwärtsschauen. Wer ich war, erklärt mir, wer ich bin. Wer ich bin, zeigt mir, was als Nächstes kommen kann. Die Vergangenheit dient dabei als Kompass.
«Ich dachte, wir würden vor allem über das sprechen, was schwierig war. Stattdessen habe ich entdeckt, was in mir steckt. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet.»Teilnehmerin Biographiearbeit, 39 Jahre
Der anthroposophische Blick: Lebensphasen in Jahrsiebten
Meine Weiterbildung in Biografiearbeit folgt dem anthroposophischen Ansatz. Dort schaut man gern auf Lebensabschnitte von ungefähr sieben Jahren, die sogenannten Jahrsiebte. Jede dieser Phasen trägt eigene Themen in sich: das Ankommen in der Welt, das Suchen und Ausprobieren, das Aufbauen und Verantwortung-Übernehmen. Die Jahre um die Lebensmitte gelten in diesem Bild als eine Zeit, in der sich der Blick nach innen wendet und die Frage nach dem Eigenen lauter wird.
Dieses Modell ist kein starres Raster, in das dein Leben passen muss. Es ist eine Einladung, deine eigene Geschichte in Abschnitte zu gliedern und zu entdecken, wo sich Themen wiederholen. Vielleicht merkst du, dass bestimmte Fragen alle paar Jahre in neuem Gewand zurückkehren. Vielleicht klopft ein Aufbruch, den du mit zwanzig nicht gewagt hast, heute wieder an. Solche Spiegelungen zu sehen, schenkt oft eine grosse Ruhe, weil das eigene Leben eine Form bekommt, in der auch die schwierigen Kapitel ihren Platz haben.
Die Verbindung zwischen körperlichem und innerem Wandel
Körper und Seele sind keine getrennten Systeme. Das wissen wir und doch behandeln wir sie oft so, als wären es zwei verschiedene Baustellen. In den Wechseljahren wird diese Trennung schwieriger aufrechtzuerhalten.
Die Hormonveränderungen bringen körperliche Symptome, das ist medizinisch beschrieben und real. Sie verändern aber auch die innere Wahrnehmung, viele Frauen erzählen, dass sie in dieser Phase sensibler werden, in manchen Momenten reizbarer, in anderen durchlässiger und dass Dinge, die früher problemlos an ihnen vorbeigezogen sind, jetzt wirklich ankommen. Sie sind weniger bereit, etwas zu tun, das sich nicht stimmig anfühlt.
Diese Veränderungen können sich wie eine Belastung anfühlen und manchmal sind sie das auch, genauso gut lassen sie sich aber als Signal verstehen, denn Körper und Lebensphase arbeiten zusammen und machen gemeinsam auf etwas aufmerksam, das Beachtung verdient. Die Biographiearbeit nimmt dieses Signal auf und fragt, was hier gehört werden will.
Ich erlebe in meiner Begleitung immer wieder, wie sich körperliche Anspannung löst, sobald eine Frau beginnt, ihrer inneren Geschichte Gehör zu schenken. Zaubern muss dafür niemand. Es ist die einfache Wirkung davon, endlich bei sich selbst anzukommen.
Was Frauen mitnehmen
Was am Ende einer Begleitung in der Biographiearbeit bleibt, ist meistens mehr als Klarheit. Klarheit ist ein gutes Wort dafür, aber es greift nicht ganz.
Es ist eher so, dass Frauen ein neues Verhältnis zu ihrer eigenen Geschichte entwickeln. Was früher als Last oder als Zufall erlebt wurde, bekommt einen Sinn, weil man versteht, was einen geformt hat, auch wenn rückblickend längst nicht alles gut war. Aus diesem Verstehen heraus wird die Gegenwart leichter und klarer und sie fühlt sich mehr nach dem eigenen Leben an.
Viele sagen, sie seien freier geworden, freier darin, wie sie ihre Zeit verbringen, wen sie in ihr Leben lassen, was sie weiterhin tun wollen und was nicht mehr. Die Biographiearbeit gibt dieser Freiheit ein Fundament.
Gar nicht so selten entdecken Frauen in dieser Arbeit Stärken und Fähigkeiten, die sie längst in sich trugen, ohne sie je als solche gesehen zu haben. Das sind Momente, die bleiben.
Schreiben in den Wechseljahren: ein Anfang für zu Hause
Viele Frauen fragen mich, wie sie selbst beginnen können. Mein Vorschlag ist das Schreiben, weil es so wenig braucht: ein Heft, einen Stift und eine Viertelstunde, die nur dir gehört. Schreiben in den Wechseljahren kann ein Anker sein, gerade wenn innen vieles in Bewegung ist und der Kopf nachts nicht zur Ruhe kommt. Was auf dem Papier steht, muss nicht mehr im Kopf kreisen.
Die folgenden Fragen sind ein guter Einstieg. Nimm dir jeweils nur eine vor und schreib, ohne zu korrigieren:
- Die Rückschau: Welche drei Momente haben meinen Weg am stärksten verändert?
- Die vergessene Kraft: Was habe ich als Kind gern getan, ganz ohne Zweck?
- Das Mitgetragene: Welche Überzeugung über Frauen und das Älterwerden habe ich übernommen, ohne sie je zu prüfen?
- Die nächste Phase: Was möchte ich in den kommenden sieben Jahren mehr leben und was darf gehen?
Lies das Geschriebene erst nach ein paar Tagen wieder. Oft fällt dir dann etwas auf, das beim Schreiben noch verborgen war. Wenn du merkst, dass ein Thema sehr schwer wird, leg den Stift ruhig zur Seite. Manche Kapitel brauchen eine Begleitung, um gut angeschaut zu werden.
Zur Entlastung: Du musst deine Geschichte nicht auf einmal verstehen und schon gar nicht allein. Biographiearbeit geht in deinem Tempo. Es reicht, mit einer einzigen Frage zu beginnen und zu schauen, was sie in dir bewegt.
«Im Fluss sein bedeutet, sich selbst zu vertrauen. Nicht zu wissen, was kommt, aber zu wissen, dass man es tragen kann.»Maila Marchetta
Kleines Glossar
- Biografiearbeit oder Biographiearbeit: Beide Schreibweisen meinen dasselbe, die bewusste Begegnung mit der eigenen Lebensgeschichte, um prägende Phasen, Muster und Ressourcen zu erkennen.
- Jahrsiebt: ein Lebensabschnitt von ungefähr sieben Jahren. Die anthroposophische Biographiearbeit nutzt diese Gliederung, um wiederkehrende Themen sichtbar zu machen.
- Lebenslinie: eine gezeichnete Zeitlinie deines Lebens mit Höhen, Tiefen und Wendepunkten. Sie macht Zusammenhänge auf einen Blick sichtbar.
- Ressource: eine Kraft, Fähigkeit oder Erfahrung, auf die du zurückgreifen kannst. In der Biographiearbeit tauchen oft Ressourcen wieder auf, die lange vergessen waren.
Wo Biographiearbeit an ihre Grenzen kommt
Biographiearbeit ist keine Therapie im klinischen Sinn. Wenn beim Erinnern alte Verletzungen sehr stark aufbrechen, wenn deine Stimmung über Wochen gedrückt bleibt oder du dich in einer akuten Krise befindest, braucht es eine ärztliche oder psychotherapeutische Fachperson. Ich bin keine Traumatherapeutin. Wo etwas über meine Kompetenz hinausgeht, sage ich dir das offen und vermittle weiter. Auch körperliche Beschwerden der Wechseljahre gehören ärztlich abgeklärt. Einen ersten Überblick gibt dir die Übersicht aller Wechseljahre-Symptome.
Was du in deiner Geschichte entdeckst, kann in der Kunsttherapie eine Form bekommen. Über Hormonyoga findest du zurück in den Körper. Hormonyoga ist allerdings nicht für jede Frau geeignet, zum Beispiel bei Schwangerschaft, Endometriose, hormonabhängigen Krebserkrankungen oder einer Schilddrüsenüberfunktion. Das klären wir im kostenlosen Erstgespräch.
Für mich ist die Biographiearbeit ein zentraler Teil meiner ganzheitlichen Begleitung, ich verbinde sie mit Hormonyoga und Kunsttherapie, mit dem, was eine Frau in ihrer Situation gerade braucht, denn die Wechseljahre sind für mich mehr als ein körperliches Geschehen. Sie sind eine echte Einladung zu einem Leben, das noch tiefer zu dir passt. Frauen auf diesem Weg zu begleiten, ist für mich immer wieder eine grosse Bereicherung, denn ich darf Zeugin solch wertvoller Momente sein.