Du stehst vom Stuhl auf und für einen Moment kippt der Raum leicht zur Seite. Beim Gehen fühlt sich der Boden nicht ganz fest an, als wärst du auf einem Schiff. Manchmal legt sich etwas wie Watte über deinen Kopf, du bist da und doch einen Schritt neben dir selbst. Meistens vergeht es rasch wieder, doch die Verunsicherung bleibt: Was, wenn mit mir etwas ernsthaft nicht stimmt?
Ich möchte dir diese Angst zuerst ein Stück weit abnehmen, bevor wir gemeinsam hinschauen. Schwindel in den Wechseljahren ist weit verbreitet und in den allermeisten Fällen harmlos, auch wenn er sich alles andere als harmlos anfühlt. Er hat gute Gründe, er hat mit deinem Körper und deinem Nervensystem zu tun und beides lässt sich beruhigen.
Warum der Schwindel ausgerechnet jetzt kommt
Östrogen ist weit mehr als ein Hormon des Zyklus, es wirkt an vielen Stellen im Körper, die mit deinem Gleichgewicht und deinem Kreislauf zu tun haben. Es beeinflusst die Weite und Spannung deiner Gefässe und damit deinen Blutdruck. Es wirkt im Innenohr mit, wo dein Gleichgewichtssinn sitzt. Es spielt sogar beim Blutzucker eine Rolle. Wenn der Östrogenspiegel in der Prä- und Perimenopause schwankt und langsam sinkt, geraten diese fein abgestimmten Systeme kurzzeitig aus dem Takt.
Ein Blutdruck, der stärker schwankt als früher, kann zu jenem Moment führen, in dem dir beim Aufstehen kurz schwarz vor Augen wird. Ein Innenohr, das anders reguliert, kann ein leichtes Schwanken erzeugen, obwohl du fest stehst. Ein Blutzucker, der zu tief fällt, weil du zu lange nichts gegessen hast, macht dich benommen und zittrig. Vieles von dem, was sich anfühlt wie ein grosses, bedrohliches Ereignis, ist in Wahrheit eine dieser vorübergehenden Schwankungen.
Dazu kommt, dass viele dieser Auslöser sich gegenseitig verstärken. Eine schlechte Nacht senkt am nächsten Tag deine Belastbarkeit, du vergisst zu essen, der Blutzucker fällt, der Kreislauf wird träge und dazu bist du innerlich angespannt. Kein einzelner dieser Faktoren würde für sich allein reichen, doch zusammen ergeben sie den Boden, auf dem der Schwindel entsteht. Das klingt zunächst entmutigend, ist aber eine gute Nachricht, denn an fast jeder dieser Stellen kannst du etwas verändern und musst nicht die eine grosse Ursache finden.
Zur Entlastung: Der Schwindel der Wechseljahre tritt meistens anfallsartig auf, nicht als Dauerzustand. Er kommt oft in Momenten von Stress, nach schlechtem Schlaf, bei leerem Magen oder wenn du zu schnell aufstehst. Das sind alles Situationen, in denen du selbst etwas verändern kannst.
Der grosse Zusammenhang mit dem Nervensystem
Der Hormonhaushalt ist die eine Hälfte der Geschichte. Die andere heisst Anspannung. Viele Frauen in den Wechseljahren tragen ein überreiztes Nervensystem mit sich, das seit Monaten oder Jahren auf Hochtouren läuft. Der Alltag ist voll, der Schlaf ist dünn, die innere Anspannung findet keinen Feierabend mehr. Genau dieses Nervensystem, das ständig in Alarmbereitschaft steht, verstärkt den Schwindel und wird von ihm zugleich verstärkt.
Der Mechanismus dahinter ist einfacher, als er klingt. Wenn wir angespannt oder ängstlich sind, atmen wir flacher und schneller, oben in der Brust statt tief in den Bauch. Diese leichte Überatmung verändert die Balance von Sauerstoff und Kohlendioxid im Blut und genau das kann Benommenheit, Kribbeln und ein schwindliges, unwirkliches Gefühl auslösen. Der Schwindel macht dann Angst, die Angst treibt die Atmung weiter nach oben und der Schwindel wächst. So schaukelt sich beides gegenseitig hoch, bis daraus ein Kreislauf wird, aus dem man mit dem Kopf allein kaum herausfindet.
Deshalb hängen Schwindel, innere Unruhe und Herzrasen und Schlafstörungen so eng zusammen. Sie sind oft vier Gesichter desselben überforderten Nervensystems und keine vier voneinander getrennten Probleme. Wer an einer dieser Stellen mehr Ruhe findet, entlastet fast immer auch die anderen.
«Der Boden ist nicht weggebrochen. Dein System ist nur überfordert und darf lernen, sich wieder zu tragen.»Maila Marchetta
Warum Erdung und Atem den Unterschied machen
Wenn der Schwindel zu einem grossen Teil aus einem überreizten Nervensystem kommt, dann liegt dort auch der wirksamste Hebel. Er liegt in einer echten Beruhigung des Systems, das den Schwindel erzeugt, weniger in einem weiteren Kampf gegen das Symptom. Genau hier liegt meine Arbeit und genau hier kannst du sofort selbst beginnen.
Die langsame Ausatmung ist dabei das kostbarste Werkzeug, das du immer bei dir trägst. Wenn du länger ausatmest als einatmest, gibst du deinem Körper das körperliche Signal, dass gerade keine Gefahr da ist. Der Herzschlag beruhigt sich, die Atmung wandert wieder nach unten, die Überatmung löst sich und mit ihr oft ein grosser Teil der Benommenheit. Eine einzige Minute bewusstes, langsames Ausatmen im schwindligen Moment kann den aufschaukelnden Kreislauf unterbrechen, bevor er richtig Fahrt aufnimmt.
Erdung ist die zweite Säule. Der Schwindel nimmt dir das Gefühl für den Boden, also gibst du ihn dir bewusst zurück. Stell dir vor, du wächst über die Fusssohlen in den Boden hinein, spüre das Gewicht auf beiden Füssen, den Kontakt der Sitzfläche, die Hände auf den Oberschenkeln. Diese kleine Rückkehr in den Körper holt dich aus dem Kopf zurück, in dem der Schwindel und die Angst kreisen. Im Hormonyoga verbinden wir genau das, sanfte Bewegung, bewussten Atem und Erdung, damit dein System wieder Vertrauen in den Boden unter dir fasst.
Konkrete Impulse für den Alltag
Es gibt kein einzelnes Wundermittel, doch es gibt viele kleine, verlässliche Hebel, die zusammen einen spürbaren Unterschied machen. Sie zielen alle in dieselbe Richtung, dein System zu entlasten und ihm die Schwankungen zu ersparen, die den Schwindel auslösen:
- Langsam und in Etappen aufstehen, erst sitzen, kurz Boden spüren, dann stehen, damit der Kreislauf nachkommt
- Regelmässig essen und trinken, über den Tag verteilt, damit Blutzucker und Kreislauf nicht in tiefe Löcher fallen
- Die Ausatmung verlängern, im schwindligen Moment ruhig und länger ausatmen als einatmen
- Sicheren Stand suchen, das Gewicht bewusst auf beide Fusssohlen bringen und den Boden unter dir spüren
- Reizüberflutung senken, weniger gleichzeitig, weniger Bildschirm, mehr eines nach dem anderen
- Guter Schlaf als Priorität, weil ein ausgeruhtes Nervensystem viel weniger leicht in Schwindel und Anspannung kippt
Das Schöne an diesen Impulsen ist, dass keiner von ihnen dich abhängig macht. Du lernst, deinen eigenen Körper zu lesen, seine Signale früh zu erkennen und im schwierigen Moment gut mit dir umzugehen. Genau das ist mein Anliegen, dass du am Ende deine eigene Ruhe wiedergefunden hast und selbstbestimmt weitergehen kannst, ganz ohne mich.
Die Angst vor dem nächsten Mal
Was den Schwindel für viele Frauen so belastend macht, ist selten der einzelne Moment. Es ist die Angst vor dem nächsten Mal. Nach ein paar unangenehmen Episoden beginnt der Kopf, ständig auf der Hut zu sein, im Supermarkt, im vollen Zug, mitten in einer Sitzung. Diese Wachsamkeit ist eine grosse Anspannung für sich und genau sie hält das Nervensystem in Alarm, aus dem der Schwindel überhaupt erst wächst. So entsteht eine feine Vermeidung, du gehst manchen Situationen aus dem Weg, wirst enger, ziehst dich zurück und dein Leben schrumpft leise um den Schwindel herum.
Aus dieser Enge führt kein weiterer Kampf heraus. Was hilft, ist Vertrauen, langsam und schrittweise wieder aufgebaut. Jedes Mal, wenn du im schwindligen Moment ruhig ausatmest, den Boden spürst und erlebst, dass es vorübergeht, lernt dein Nervensystem etwas Neues. Es lernt, dass dieser Zustand unangenehm, aber nicht gefährlich ist. Mit jeder solchen Erfahrung verliert der Schwindel ein Stück von seiner Macht und du gewinnst ein Stück Boden zurück.
Hier wirkt auch die Verbindung von Bewegung und kreativem Ausdruck, mit der ich arbeite. Was sich in Worten schwer fassen lässt, diese diffuse Angst vor dem Wanken, darf über Gestalten und über den Körper einen Ausdruck finden. Oft löst sich dabei etwas, das der Kopf allein nicht greifen kann. Der Schwindel verliert dann den emotionalen Nährboden, auf dem er wächst. Das geschieht selten mit Gewalt, eher mit einer stillen Leichtigkeit, fast wie von selbst.
Wann du unbedingt ärztlich abklären lässt
Bei aller Entlastung gehört auch die ehrliche Grenze dazu. Ich bin Begleiterin, keine Ärztin und meine Arbeit ersetzt keine medizinische Diagnose. Schwindel kann harmlos sein, er kann aber in seltenen Fällen auch ein Warnzeichen für etwas Ernstes sein und das gehört klar unterschieden.
Sofort ärztlich oder in den Notfall:
Wenn ein plötzlicher, heftiger Drehschwindel auftritt, wenn der Schwindel zusammen mit Sehstörungen, Sprachstörungen, einer Lähmung oder Taubheit im Gesicht, Arm oder Bein, mit starken Kopf- oder Brustschmerzen kommt, oder wenn du ohnmächtig wirst, dann zögere nicht und hole sofort ärztliche Hilfe oder ruf den Notfall. Das können Zeichen sein, die dringend geprüft werden müssen. Auch wiederkehrender oder anhaltender Schwindel gehört ärztlich abgeklärt, denn Blutdruck, ein Eisenmangel, eine Störung im Innenohr oder ein aus dem Gleichgewicht geratener Blutzucker lassen sich einfach untersuchen und gut behandeln. Meine Arbeit beginnt dort, wo das Ernste ausgeschlossen ist. Sie schafft die Ruhe, in der dein Nervensystem wieder Boden findet.
Der Schwindel der Wechseljahre ist unangenehm und er kann dir kurz den Boden unter den Füssen nehmen. In aller Regel ist er ein Zeichen dafür, dass dein System gerade viel trägt und Schwankungen schlechter abfängt als früher, kein Verhängnis. Er lässt nach, wenn du ihm Atem, Erdung, Nahrung, Schlaf und Nachsicht schenkst. Du verlierst nicht die Kontrolle über deinen Körper. Du gehst durch einen Übergang und lernst dabei, dich selbst wieder zu tragen. Wenn du magst, findest du in Hormonyoga einen sanften Weg, der genau hier ansetzt.