Es gibt Momente, in denen Körper und Seele mehr sagen wollen, als Worte zulassen, in denen etwas in uns drängt und sich zeigen möchte, während die Sprache dafür trotzdem fehlt. Genau hier öffnet die Kunsttherapie einen anderen Weg. Sie lädt dich ein, mit Farben, Formen und Bewegung auszudrücken, was sich im Inneren regt, ganz ohne Erklärung und ohne richtig oder falsch.
In meiner Arbeit mit Frauen in der Lebensmitte erlebe ich immer wieder, wie viel sich in den Wechseljahren verschiebt, längst nicht nur im Körper. Auch die Beziehung zu sich selbst verändert sich, zu den eigenen Bedürfnissen, zu dem, was bisher gegolten hat und jetzt neu gewichtet werden will. Für mich ist die Kunsttherapie eine der tiefgründigsten Methoden, um diesen inneren Wandel zu begleiten.
Was Kunsttherapie ist und was sie nicht ist
Das Erste, was ich einer Frau sage, die zum ersten Mal von Kunsttherapie hört: Du musst nicht zeichnen können und nicht «gut in Kunst» sein. Das spielt keine Rolle, es ist nicht einmal wichtig.
Kunsttherapie ist keine Kunstschule und kein Atelier-Kurs, sondern ein therapeutisches Angebot, das über kreative Mittel arbeitet: über Farbe, Form, Material und Bewegung auf dem Papier. Was dabei entsteht, wird nicht bewertet und es muss am Ende kein Meisterwerk an der Wand hängen. Was zählt, ist der Prozess: das, was sich zeigt, während du malst, sowie die Bilder, die aus dir herausfinden, sobald du aufhörst zu kontrollieren.
Was die Kunsttherapie kann, ist einen Raum jenseits der Sprache öffnen, denn manche Erfahrungen und Gefühle entziehen sich dem Wort, weil Sprache manchmal schlicht nicht ausreicht.
Warum Kunsttherapie in der Lebensmitte besonders wirksam ist
Die Wechseljahre sind eine Zeit des Wandels. Das klingt nach einer Floskel und doch stimmt es in einer Tiefe, die viele Frauen erst mitten drin wirklich spüren. Es geht nicht nur darum, dass die Periode unregelmässiger wird oder Hitzewallungen den Schlaf stören, sondern darum, dass sich etwas viel Grundsätzlicheres verschiebt. Manches, was lange selbstverständlich war, gilt nicht mehr, alte Rollen werden eng und die neuen sind noch nicht sichtbar.
In dieser Zwischen-Zeit, in der das Alte loslässt und das Neue noch nicht greifbar ist, kommt die Sprache an ihre Grenzen. Was ich in mir trage, lässt sich nicht immer in Sätze fassen und genau dort beginnt das Potenzial der Kunsttherapie.
Bilder erreichen, was Sprache nicht erreicht. Ein Farbton, der selbst entscheidet, wohin er fliesst, eine Form, die auf dem Papier entsteht, bevor ein Gedanke sie geplant hat. Solche Bilder tragen eine Information in sich, sie zeigen, was im Inneren lebendig ist und Raum sucht. Wenn eine Frau dann im Nachgespräch auf ihr Bild schaut und plötzlich versteht, was sie eigentlich gemeint hat, ohne es in Worte fassen zu müssen, zeigt die Kunsttherapie ihre eigentliche Kraft.
«Ich bin ehrlich gesagt mit wenig Erwartung gekommen, ich male nicht, ich bin eher handwerklich als künstlerisch. Maila hat gleich zu Beginn gesagt, das spiele keine Rolle. Also habe ich einfach losgelegt, mit den Fingern, mit einem breiten Pinsel, viel Farbe. Was dabei herausgekommen ist, hat mich im positiven Sinn erschrocken. Auf einmal war da so viel Dunkelblau und ich wusste sofort, dass das die Erschöpfung ist, die, über die ich mit niemandem reden kann, weil ich sie gar nicht erklären könnte.»
«Erst danach habe ich angefangen, darüber zu sprechen. Irgendwie hat mir das Bild die Worte vorausgeschickt.»
«Ich bin in der Perimenopause und gleichzeitig mitten in einer grossen beruflichen Veränderung, beides auf einmal. Ich habe ständig das Gefühl, funktionieren zu müssen, und weiss dabei gar nicht, wer ich gerade eigentlich bin. In der Kunsttherapie habe ich zum ersten Mal gespürt, dass ich hier nichts leisten muss, dass es nur darum geht, was jetzt gerade da ist.»
«Überrascht hat mich, dass die Bilder manchmal etwas zeigen, das ich mir selbst nie eingestanden hätte. Im Bild war es dann einfach da, ganz ohne dass ich es suchen musste.»
Was in einer Kunsttherapie-Einheit passiert
Eine Einheit beginnt fast immer mit einer kurzen Ankunft, ein paar Atemzügen und der Frage, was gerade da ist. Nicht, was da sein sollte oder was man fühlen müsste, sondern was tatsächlich präsent ist.
Dann folgt ein Impuls. Das kann eine Farbe sein, die sich anbietet, eine Frage, die ich stelle, oder ein Material, das dich einlädt. Manchmal fängt eine Frau einfach an, ohne zu wissen, was entstehen wird. Genau das ist oft der schönste Einstieg.
Wasserfarbe, Acryl oder Ölpastell, ganz ohne Vorlage und ohne Korrektur. Die Farbe fliesst, wie sie will. Was entsteht, gehört dir.
Mal geht es darum, grossen Flächen Raum zu geben, mal um das Gegenteil: um das Kleine, Zierliche, Präzise.
Papier, Stoff, Zeitungsausschnitte. Schon das Auswählen, Ausschneiden und Zusammenstellen wird zu einem Ausdruck des Inneren.
Am Ende schauen wir gemeinsam auf dein Bild. Nicht, um es zu deuten, sondern um zu hören, was es dir sagt und was es in dir bewegt.
Was während des Malens geschieht, lässt sich nicht planen. Mal taucht Erleichterung auf, mal Trauer, mal eine Energie, von der eine Frau nicht wusste, dass sie noch da ist. Alles darf sein. Nichts davon wird gewertet oder eingeordnet und kommentiert wird es nur, wenn du es möchtest.
Wichtig: Kunsttherapie ist kein Ersatz für psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung. Bei schweren psychischen Erkrankungen, Depressionen oder Traumafolgestörungen braucht es eine fachärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Kunsttherapie kann dort eine wertvolle Ergänzung sein, aber nicht die Hauptbehandlung ersetzen. Bitte sprich in solchen Situationen zuerst mit einer ärztlichen oder psychotherapeutischen Fachperson.
«Ich habe nach der Einheit eine Stunde lang einfach nur geschwiegen. Nicht weil ich traurig war, sondern weil etwas in mir angekommen war, das ich noch nicht in Worte fassen wollte. Diese Stille war das Wertvollste, das ich seit langer Zeit gespürt habe.»Kursteilnehmerin, 37 Jahre
Was Frauen überrascht
Die häufigste Rückmeldung, die ich höre, ist die Stille danach. Keine Leere, sondern eine gesammelte Stille, als hätte etwas, das lange unruhig war, für eine Weile zur Ruhe gefunden.
Viele Frauen kommen mit dem Wunsch, etwas zu lösen, ein Problem zu bearbeiten, einen Entscheid zu treffen. Sie sind es gewohnt, zielorientiert zu funktionieren. In der Kunsttherapie gibt es dieses klassische Ziel nicht und das irritiert am Anfang manche. Oft wird genau daraus der grösste Wert.
Was Frauen in dieser Stille finden, ist der Kontakt zu sich selbst. Nicht zu dem, was sie leisten sollen oder was andere von ihnen brauchen, sondern zu dem, was in ihnen lebt und ihnen wichtig ist. Mal taucht das Bild einer alten Sehnsucht auf, mal eine Kraft, die sie längst verloren glaubten, mal einfach eine Traurigkeit, die endlich da sein darf, ohne sich sofort erklären zu müssen.
Diese stille Begegnung mit sich selbst, ohne Sprache und ohne Rechtfertigung, haben viele Frauen in der Lebensmitte lange nicht mehr erlebt.
Für wen Kunsttherapie passt
Kunsttherapie passt für dich, wenn du spürst, dass etwas in dir in Bewegung ist, ohne dass du schon Worte dafür hast, wenn du im Alltag viel gibst und dabei selten wirklich bei dir ankommst, oder wenn du schon einiges versucht hast und merkst, dass Reden allein nicht ausreicht.
Sie passt auch dann, wenn du dich selbst für überhaupt nicht künstlerisch hältst und vielleicht seit der Primarschule keinen Pinsel mehr in der Hand hattest. Das ist kein Hindernis, im Gegenteil, oft ist es sogar ein Vorteil, weil keine Erwartung an das eigene Können mitkommt.
Kunsttherapie lässt sich gut mit anderen Wegen verbinden. In meiner Begleitung setze ich sie oft ergänzend zu Hormonyoga oder Biographiearbeit ein, sodass Körper, Bewegung, Wort und Bild zusammenarbeiten. Mal beginnt eine Frau mit Hormonyoga und entdeckt dabei eine Schicht, die sie im Bild weiter erforschen möchte, mal ist es umgekehrt. Was wir verbinden, entsteht aus dem, was gerade gebraucht wird, nicht aus einem fertigen Programm.
Was ich dabei beobachte: Frauen, die sich auf die Kunsttherapie einlassen, entwickeln eine tiefere Beziehung zu sich selbst und lernen, ihrem inneren Erleben zu trauen. Das wirkt weit über die einzelne Einheit hinaus, im Umgang mit dem Körper, in der Art, wie sie Entscheidungen treffen, sowie darin, bei sich zu bleiben, auch wenn aussen alles drängt.
Kunsttherapie, Nervensystem und schwankende Hormone
In der Perimenopause und den Wechseljahren schwanken die Hormone oft stark, bevor sie sich auf einem neuen Niveau einpendeln. Viele Frauen spüren das zuerst im Nervensystem: als innere Unruhe, als schnellere Reizbarkeit, als dünnere Haut im Alltag. Der Kopf versucht dann, das Durcheinander zu ordnen. Er analysiert, plant und grübelt, was die Unruhe häufig noch grösser macht.
Beim Gestalten verlagert sich die Aufmerksamkeit. Deine Hände sind beschäftigt, dein Blick folgt der Farbe und dein Atem wird langsamer, ohne dass du ihn bewusst steuerst. In meiner Arbeit erlebe ich oft, wie eine Frau dabei im Moment ankommt. Für ein Nervensystem, das ständig auf Alarm steht, ist das eine wohltuende Erfahrung. Kunsttherapie verändert deine Hormone nicht. Sie kann dir aber helfen, mit ihren Schwankungen ruhiger umzugehen und dich selbst darin wiederzuerkennen.
Zur Entlastung: Wenn du dich in dieser Lebensphase dünnhäutiger, gereizter oder trauriger erlebst als früher, ist das kein Zeichen von Schwäche. Dein Körper stellt sich gerade grundlegend um. Gefühle, die jetzt lauter werden, dürfen einen Ausdruck bekommen, auch wenn du sie noch nicht erklären kannst.
«Ich habe gelernt, dass hormonelle Veränderungen kein Versagen des Körpers sind. Sie sind eine Einladung zur Neuausrichtung.»Maila Marchetta
Was jetzt wirklich hilft: eine kleine Übung für zu Hause
Du musst nicht auf einen Termin warten, um den Ausdruck in dein Leben zu holen. Eine kleine Übung kann dir schon heute helfen, mit dir in Kontakt zu kommen. Du brauchst dafür nur ein Blatt Papier, ein paar Farben aus deiner Schublade sowie zehn ungestörte Minuten.
- Ankommen: Setz dich hin, schliess kurz die Augen und atme ein paar Mal länger aus als ein. Frag dich, wie es dir in diesem Moment wirklich geht.
- Eine Farbe wählen: Greif ohne langes Überlegen nach der Farbe, die dich gerade anzieht. Es muss nicht die schönste sein.
- Gestalten ohne Ziel: Lass die Farbe über das Blatt wandern, in Linien, Flächen oder Flecken. Wenn sich eine zweite Farbe meldet, nimm sie dazu.
- Betrachten: Leg den Pinsel weg und schau dein Blatt an, als hätte es jemand anderes gemalt. Was fällt dir auf? Welches Wort taucht auf?
Schreib dieses eine Wort an den Rand und leg das Blatt zur Seite. Nach ein paar Tagen kannst du mehrere Blätter nebeneinanderlegen und schauen, was sich verändert hat. Diese Übung ersetzt keine Begleitung. Sie öffnet dir aber eine Tür zu dir selbst, die du jederzeit wieder benutzen kannst.
Kleines Glossar
Ein paar Begriffe tauchen rund um die Kunsttherapie immer wieder auf. Hier eine ruhige Sortierung.
- Kunsttherapie: der Oberbegriff für Begleitungen, die über künstlerisches Tun einen Zugang zu inneren Prozessen öffnen. Im Mittelpunkt steht der Prozess, das Ergebnis wird nicht bewertet.
- Plastisch-bildnerisches Gestalten: die Arbeit mit Farbe auf der Fläche und mit formbarem Material wie Ton im Raum. Das ist der Schwerpunkt meiner Arbeit.
- Anthroposophische Kunsttherapie: eine Richtung der Kunsttherapie, die auf dem Menschenbild Rudolf Steiners beruht und bewusst mit den Qualitäten von Farben und Formen arbeitet.
- Perimenopause: die oft jahrelange Übergangszeit vor der letzten Blutung, in der die Hormone schwanken. Mehr dazu im Beitrag zu den Symptomen der Perimenopause.
Wie ich in Bern und online mit Kunsttherapie arbeite und wie eine Sitzung bei mir abläuft, beschreibe ich auf der Seite zur Kunsttherapie.
Wann du ärztlich abklären lässt
Kunsttherapie kann viel tragen, sie hat aber auch Grenzen. Viele Beschwerden der Wechseljahre wie Schlafprobleme, Erschöpfung oder Herzklopfen können auch andere Ursachen haben. Lass sie ärztlich abklären, besonders wenn sie neu, stark oder anhaltend sind. Einen Überblick über die vielen Gesichter dieser Phase findest du in der Übersicht aller Wechseljahre-Symptome.
Wenn deine Stimmung über Wochen gedrückt bleibt, du kaum noch Freude empfindest oder dunkle Gedanken auftauchen, wende dich bitte an deine Ärztin oder eine psychotherapeutische Fachperson. Ich bin keine Traumatherapeutin und vermittle weiter, wo etwas über meine Kompetenz hinausgeht. Meine Begleitung kann dann ergänzend an deiner Seite sein. Falls du Kunsttherapie mit Hormonyoga verbinden möchtest, gilt zudem: Bei Schwangerschaft, Endometriose, hormonabhängigen Krebserkrankungen, einer Schilddrüsenüberfunktion oder grossen Myomen ist Hormonyoga nicht geeignet. Das klären wir in Ruhe im Erstgespräch.
Die Wechseljahre sind eine Zeit des Wandels und die Kunsttherapie ist für mich eine der schönsten Begleitungen hindurch. Sie erklärt den Wandel nicht, sie macht ihn erlebbar. Sie gibt Raum, wo im Alltag keiner ist. Zugleich trifft sie jeden Menschen dort, wo er gerade wirklich steht.
Wenn du neugierig bist, ob die Kunsttherapie etwas für dich sein könnte, freue ich mich über deine Nachricht. Wir schauen dann in Ruhe gemeinsam, was zu dir und deinem Moment passt.