Wut und Reizbarkeit: Was die Wut dir sagen will

Eine Kleinigkeit reicht. Ein falscher Satz, ein Geräusch, eine Frage zu viel und in dir explodiert etwas, das in keinem Verhältnis zum Anlass steht. Danach kommt die Scham. Du erkennst dich selbst nicht wieder und fragst dich, was aus der geduldigen Frau geworden ist, die du einmal warst.

Wenn du das kennst, bist du damit alles andere als allein. Rund siebzig Prozent der Frauen berichten in den Wechseljahren von Wut und Reizbarkeit und viele erleben sie als das belastendste Symptom überhaupt, weil sie so oft die Menschen trifft, die ihnen am nächsten stehen. Ich möchte dir zuerst das Wichtigste sagen: Du bist kein Monster, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Deine Wut hat einen Sinn und sie hat dir etwas zu sagen.

Warum die Wut jetzt so nah an der Oberfläche liegt

Ein Teil der Antwort ist hormonell. Das Östrogen, das lange für einen ausgeglichenen Serotoninspiegel gesorgt hat, schwankt nun stark und sinkt. Damit gerät die feine Regulierung von Stimmung und Impulskontrolle ins Wanken und Gefühle, die sonst gedämpft blieben, brechen ungefiltert durch. Der Zündpunkt liegt schlicht näher als früher.

Das erklärt jedoch nur, warum die Wut leichter herauskommt, nicht, woher sie stammt. Hier wird es spannend. Sehr oft steckt hinter der Reizbarkeit der Wechseljahre etwas, das lange gewartet hat. Viele Frauen haben Jahre oder Jahrzehnte funktioniert, für die Kinder, für die Partnerschaft, im Beruf, für alle anderen. Sie haben ihre eigenen Bedürfnisse zurückgestellt, immer und immer wieder. Die Hormone nehmen jetzt gewissermassen den Deckel vom Topf und darunter zeigt sich alles, was zu lange geschluckt wurde.

Die Wut als Botin, nicht als Feindin

In meiner Arbeit lade ich Frauen ein, die Wut nicht länger als Gegnerin zu behandeln, sondern als Botin. Wut ist eine gesunde Kraft, sie zeigt eine Grenze an, die überschritten wurde, oder ein Bedürfnis, das zu lange unbeachtet blieb. Wenn du jedes Mal explodierst, sobald jemand noch etwas von dir will, dann sagt dir deine Wut vielleicht sehr deutlich, dass du nichts mehr zu geben hast, ohne zuerst selbst aufzutanken.

Diese Sichtweise verändert alles. Solange du die Wut bekämpfst, kämpfst du gegen dich selbst. Sobald du ihr zuhörst, wird sie zu einem Kompass. Sie führt dich zu den Stellen in deinem Leben, an denen etwas nicht mehr stimmt und zu den Bedürfnissen, die endlich Raum verdienen.

«Die Wut ist nicht dein Feind. Sie ist der Teil von dir, der endlich für dich einsteht.»
Maila Marchetta

Warum es meistens den Partner trifft

Dass sich die Wut oft am Partner oder an den nächsten Angehörigen entlädt, hat einen einfachen Grund. Zuhause darfst du sein, wie du bist, dort hältst du die Fassade nicht mehr aufrecht. Was du den ganzen Tag im Aussen zusammenhältst, fällt am Abend in den eigenen vier Wänden ab. Das ist verständlich und es hilft, das dem Menschen an deiner Seite zu erklären, damit er die Wut nicht persönlich nimmt. Zugleich bleibt die eigentliche Arbeit bei dir, denn der Partner ist selten die wahre Adresse deiner Wut. Er ist nur der Ort, an dem sie sich zeigen darf.

Der Wut einen sicheren Ausdruck geben

Wut, die geschluckt wird, verschwindet nicht, sie staut sich an und sucht sich irgendwann einen ungünstigen Weg nach draussen. Wut, die unkontrolliert ausbricht, hinterlässt Scherben. Zwischen diesen beiden Polen liegt ein dritter Weg und den gehe ich mit den Frauen, die zu mir kommen. In der Kunsttherapie darf die Wut heraus, ohne jemanden zu verletzen. Auf dem Papier, im Ton, in einer kräftigen Farbe oder einer entschiedenen Bewegung findet die Kraft einen Ausdruck und wird dadurch fassbar. Du entlädst nicht am Menschen, sondern gibst der Energie eine Gestalt und in dieser Gestalt kannst du sie anschauen und verstehen.

In der Biografiearbeit hinschauen, was wirklich ruft

Wenn die erste Ladung heraus ist, lohnt sich der zweite Schritt: verstehen, worauf die Wut eigentlich zeigt. In der Biografiearbeit schauen wir gemeinsam auf deinen Lebensweg. Wo hast du dich immer angepasst? Welche Bedürfnisse hast du früh gelernt zu übergehen? Welche Rolle hast du übernommen, die dir längst zu eng geworden ist? Häufig ist die Wut der Wechseljahre kein Zufall, sondern eine Einladung, das eigene Leben neu zu ordnen und endlich das eigene Mass zu leben. Mehr über diesen Weg findest du im Beitrag Biographiearbeit in der Lebensmitte.

Ein sanfter Perspektivwechsel: Frage dich beim nächsten Wutimpuls nicht «Was stimmt nicht mit mir», sondern «Was will dieser Teil von mir gerade schützen». Diese eine andere Frage öffnet einen Raum, in dem aus Selbstvorwurf Selbstverständnis werden kann.

Deine Wut macht dich nicht zu einem schlechten Menschen. Sie ist ein Signal, dass du dich selbst zu lange hintangestellt hast und sie darf der Anfang einer Veränderung sein. Wenn du lernst, ihr zuzuhören und ihr einen guten Ausdruck zu geben, verliert sie ihre zerstörerische Wucht und wird zu einer Kraft, die dich zurück zu dir führt. Genau dort möchte ich dich begleiten, mit Wertschätzung und ohne dich je als Problem zu behandeln.

Der Wut auf den Grund gehen.

In der Kunsttherapie und der Biografiearbeit schauen wir gemeinsam hin, was deine Wut dir zeigen möchte. Ich begleite dich dabei, in Bern oder online.

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