Das Kinderzimmer ist still geworden. Die Tage, die einmal randvoll mit Aufgaben und kleinen Händen waren, haben plötzlich Lücken. Mitten in dieser Stille taucht eine Frage auf, die du nicht recht einordnen kannst: Spinnen gerade meine Hormone, oder bin ich traurig, weil mein Kind nicht mehr da ist? Häufig lässt sich das nicht sauber trennen und genau das macht die Lebensmitte manchmal so verwirrend.
In dieser Zeit fallen oft zwei grosse Übergänge zusammen. Der Körper verabschiedet sich von der fruchtbaren Phase und im selben Moment gehen die Kinder ihren eigenen Weg. Beides sind Abschiede und beide dürfen betrauert werden. Ich möchte dir in diesem Beitrag vor allem eines mitgeben: Deine Trauer ist keine Störung, die es wegzumachen gilt. Sie ist eine angemessene Antwort auf einen echten Verlust.
Wenn zwei Übergänge zusammenfallen
Die Wechseljahre sind mehr als eine Reihe körperlicher Symptome. Sie markieren das Ende eines Lebensabschnitts, in dem der Körper Kinder bekommen konnte. Auch wenn du deine Familienplanung längst abgeschlossen hast oder dir nie Kinder gewünscht hast, kann dieser körperliche Abschied etwas berühren, das tiefer sitzt, als der Verstand erwartet. Kommt in derselben Zeit der Auszug der Kinder hinzu, verstärken sich die beiden Bewegungen. Die Hormone schwanken und machen dünnhäutiger und gleichzeitig gibt es einen sehr realen Grund für Traurigkeit. Kein Wunder, dass sich das wie ein Wechselbad anfühlt.
Die Trauer verdient einen Namen
In unserer Kultur wird diese Art von Trauer oft übergangen. Von aussen heisst es schnell, die Kinder seien ja gesund und es gehe ihnen gut, du solltest dich freuen. Ja, das eine schliesst das andere nicht aus. Freude über den erwachsenen Menschen und Trauer über das Ende einer Zeit dürfen nebeneinander bestehen. Wenn du deiner Trauer keinen Namen geben darfst, sucht sie sich andere Wege, oft über Gereiztheit, Leere oder ein diffuses Unwohlsein. Sobald du sie benennen darfst, verliert sie ihre Schwere und wird zu etwas, das durch dich hindurchgehen kann.
«Trauer ist kein Rückschritt. Sie ist die Art, wie das Herz Abschied nimmt, damit die Hände wieder frei werden für das Neue.»Maila Marchetta
Wer bin ich, wenn die alte Rolle wegfällt
Viele Frauen haben sich über Jahre stark über ihre Rolle als Mutter definiert. Wenn diese Rolle sich verändert, entsteht eine Lücke und in dieser Lücke taucht die grosse Frage der Lebensmitte auf: Wer bin ich eigentlich jenseits dessen, was ich für andere war? Das kann sich zuerst wie ein Verlust anfühlen und es ist zugleich eine seltene Gelegenheit. Selten im Leben gibt es so viel Raum, sich neu zu fragen, was man eigentlich will, was liegengeblieben ist und was jetzt an der Reihe wäre. Die Leere ist unbequem, doch sie ist auch fruchtbar.
Der Trauer und dem Neuen einen Ausdruck geben
Gefühle wie Trauer und Abschied lassen sich oft nicht ausreden, aber sie lassen sich ausdrücken. In der Kunsttherapie darf das, was keine Worte findet, eine Gestalt bekommen, in Farbe, in Form, in Bewegung. Was du gestaltest, kannst du anschauen und im Anschauen verwandelt sich etwas. Aus einem diffusen Schmerz wird ein Bild und ein Bild kann man verabschieden oder weiterführen. So wird die Trauer nicht verdrängt, sondern durchlebt und aus dem Durchleben entsteht Raum für das, was kommen will.
In der Biografiearbeit den Faden neu aufnehmen
Wenn die erste Trauer ihren Platz gefunden hat, öffnet sich die Frage nach dem Weitergehen. In der Biografiearbeit schauen wir gemeinsam auf deinen Lebensweg, auf das Gewesene und auf das, was noch werden möchte. Welche Träume hast du zugunsten anderer zurückgestellt? Welche Fähigkeiten und Sehnsüchte warten darauf, endlich gelebt zu werden? Der Auszug der Kinder ist dann nicht nur ein Ende, sondern der Beginn eines Kapitels, das dir gehört. Mehr über diese Arbeit findest du im Beitrag Biographiearbeit in der Lebensmitte.
Ein sanfter Impuls: Nimm dir einen Moment und schreibe auf, was du in den Jahren der Fürsorge für dich selbst zurückgestellt hast. Nichts muss sofort geschehen. Es geht zunächst nur darum, diese leisen Sehnsüchte wieder sichtbar zu machen, damit sie einen Platz in deinem neuen Kapitel finden können.
Der Übergang in der Lebensmitte ist ein grosser und er darf betrauert werden, ohne dass du dich dafür rechtfertigen musst. Trauer und Aufbruch sind keine Gegensätze, sie gehören zusammen wie das Ausatmen zum Einatmen. Wenn du deiner Trauer Raum gibst, machst du zugleich Platz für das Leben, das jetzt an dich gerichtet ist. Genau auf diesem Weg, zwischen Abschied und Anfang, begleite ich dich gern.